Multisensorisches Lernen: Wie Kinder durch Fühlen, Bewegen und Sehen am besten lernen
Multisensorisches Lernen: Wie Kinder durch Fühlen, Bewegen und Sehen lernen
Kinder entdecken ihre Umwelt nicht nur mit den Augen. Sie hören Geräusche, ertasten Oberflächen, bewegen Gegenstände und probieren aus, was passiert. Werden mehrere Sinne sinnvoll miteinander verbunden, spricht man von multisensorischem Lernen.
Dabei nimmt das Kind Informationen nicht nur über einen einzigen Weg auf. Es sieht beispielsweise eine Zahl, spricht sie aus, ertastet ihre Form und baut anschließend mit einem passenden Zahlenbaustein. Auf diese Weise wird Lernen zu einer aktiven Erfahrung.
Besonders im Kindergarten- und Vorschulalter lässt sich multisensorisches Lernen einfach in das freie Spiel und in alltägliche Situationen integrieren.
Was bedeutet multisensorisches Lernen?
Beim multisensorischen Lernen werden zwei oder mehr Wahrnehmungsbereiche miteinander verbunden:
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Sehen: Farben, Formen, Bilder und Bewegungen erkennen
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Hören: Wörter, Zahlen, Rhythmen und Geräusche wahrnehmen
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Fühlen: Oberflächen, Formen, Gewichte und Temperaturen ertasten
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Bewegen: greifen, legen, sortieren, stapeln oder Gesten ausführen
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Sprechen: Begriffe benennen und Handlungen sprachlich begleiten
Das Ziel besteht nicht darin, möglichst viele Reize gleichzeitig anzubieten. Entscheidend ist eine sinnvolle Verbindung zwischen den Sinneseindrücken und dem Lerninhalt.
Ein blinkendes und lautes Spielzeug ist deshalb nicht automatisch multisensorisch wertvoll. Häufig sind ruhige Materialien, die Kinder selbst berühren und verändern können, besser für konzentriertes Entdecken geeignet.
Was sagt die Forschung?
Forschungsergebnisse zeigen, dass Lernen durch Bilder und passende Gesten das Gedächtnis unterstützen kann. Das gilt insbesondere dann, wenn die Bewegung einen verständlichen Bezug zum Lerninhalt hat.
Eine Untersuchung des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften beschäftigte sich mit dem Lernen neuer Vokabeln. Wörter, die mit passenden Gesten gelernt wurden, aktivierten später auch Bereiche des Gehirns, die an der Bewegungswahrnehmung beteiligt sind. Die Forschenden folgerten daraus, dass die zusätzlichen Sinnes- und Bewegungserfahrungen Teil der gespeicherten Wortbedeutung werden können. (Max-Planck-Gesellschaft)
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Aktivierung möglichst vieler Sinne automatisch zu besseren Lernergebnissen führt. Die Sinneseindrücke sollten zum Inhalt passen und das Kind nicht ablenken.
Finger-Tracing: Lernen durch Nachfahren
Beim sogenannten Finger-Tracing fährt das Kind eine Form, einen Buchstaben oder eine Zahl mit dem Finger nach. Dabei verbindet es visuelle Informationen mit einer gezielten Bewegung.
Diese Vorgehensweise ist auch aus der Montessori-Pädagogik bekannt, beispielsweise durch Buchstaben oder Zahlen mit fühlbarer Oberfläche.
Untersuchungen der University of Sydney zeigten, dass das Nachfahren mit dem Finger das Lernen bestimmter mathematischer und abstrakter Inhalte unterstützen kann. Als mögliche Erklärung nennen die Forschenden unter anderem eine geringere zusätzliche Belastung des Arbeitsgedächtnisses. (University of Sydney)
Zu Hause kann Finger-Tracing einfach umgesetzt werden:
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Zahlen mit dem Finger nachfahren
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Buchstaben in Sand oder Mehl zeichnen
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geometrische Formen ertasten
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Wege und Linien verfolgen
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Muster auf Papier nachzeichnen
Warum ist multisensorisches Lernen im Vorschulalter wertvoll?
1. Aufmerksamkeit und Motivation
Kinder bleiben häufig länger bei einer Aktivität, wenn sie selbst handeln dürfen. Einen Gegenstand zu greifen, zu bewegen oder zu sortieren kann ansprechender sein, als Informationen nur anzusehen oder anzuhören.
2. Informationen miteinander verknüpfen
Wenn ein Kind eine Zahl sieht, ihren Namen hört und gleichzeitig die passende Anzahl an Bausteinen berührt, erlebt es denselben Inhalt auf mehreren Wegen.
Diese Erfahrungen können dabei helfen, Zusammenhänge verständlicher und leichter erinnerbar zu machen.
3. Motorische Entwicklung begleiten
Beim Stapeln, Sortieren und Nachfahren werden gleichzeitig motorische Fähigkeiten geübt. Dazu gehören:
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Hand-Auge-Koordination
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Fingerbeweglichkeit
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kontrolliertes Greifen
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Kraftdosierung
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räumliche Orientierung
4. Aktives Problemlösen fördern
Beim Bauen und Experimentieren entstehen automatisch kleine Fragen:
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Warum fällt der Turm um?
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Welche Form passt in die Öffnung?
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Welcher Baustein muss nach unten?
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Wie kann die Konstruktion stabiler werden?
Das Kind kann eigene Lösungen ausprobieren, statt nur einer vorgegebenen Antwort zu folgen.
5. Lernfreude und Selbstvertrauen stärken
Wenn Kinder eine Aufgabe selbst lösen, erleben sie Selbstwirksamkeit. Dabei zählt nicht nur das fertige Ergebnis, sondern auch das eigenständige Ausprobieren.
Kleine Erfolgserlebnisse können das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken und die Freude am weiteren Entdecken fördern.
Ist multisensorisches Lernen bei LRS hilfreich?
Multisensorische Übungen werden häufig zur Unterstützung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten eingesetzt. Buchstaben können zum Beispiel gesehen, ausgesprochen, gehört und gleichzeitig mit dem Finger nachgefahren werden.
Solche Übungen können für einzelne Kinder hilfreich sein. Sie ersetzen jedoch keine fachliche Diagnose oder individuell abgestimmte Förderung. Bei anhaltenden Schwierigkeiten sollten Eltern mit Lehrkräften, Kinderärzten oder spezialisierten Fachstellen sprechen.
Auch bei Konzentrationsschwierigkeiten kann aktives Lernen motivierender sein. Dabei sollte auf eine ruhige Umgebung und eine begrenzte Anzahl an Reizen geachtet werden. Zu viele Farben, Geräusche oder Aufgaben gleichzeitig können die Konzentration zusätzlich erschweren.
Praktisches Beispiel: Bunte Zahlenbausteine
Bunte Zahlenbausteine verbinden verschiedene Lernbereiche in einem Spiel:
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Sehen: Farben, Größen und Zahlen unterscheiden
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Fühlen: Formen und Oberflächen ertasten
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Bewegen: Bausteine greifen, drehen und stapeln
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Denken: Reihenfolgen und Mengen erkennen
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Sprechen: Zahlen und Farben benennen
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Experimentieren: Gleichgewicht und Stabilität entdecken
Das Kind kann zunächst frei mit den Bausteinen spielen. Später können Eltern kleine Aufgaben anbieten, ohne das Spiel zu stark zu lenken.
Kreative Lernspiele mit Zahlenbausteinen
1. Zahlentürme bauen
Das Kind stapelt die Zahlen in der richtigen Reihenfolge. Jüngere Kinder können zunächst mit zwei oder drei Bausteinen beginnen.
Mögliche Aufgaben:
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von 1 bis 5 bauen
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rückwärts stapeln
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nur gerade Zahlen verwenden
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eine fehlende Zahl entdecken
2. Farben und Zahlen zuordnen
Lege farbige Karten oder Gegenstände bereit. Das Kind ordnet die Zahlen der passenden Farbe zu.
Dabei können Farben und Zahlen gemeinsam benannt werden:
„Die rote Drei.“
„Die blaue Fünf.“
3. Mengen sichtbar machen
Lege zu jeder Zahl die passende Anzahl kleiner, ausreichend großer Gegenstände.
Beispiel:
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zur Zahl 2 kommen zwei Bauklötze
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zur Zahl 4 kommen vier große Ringe
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zur Zahl 6 kommen sechs Karten
So wird die geschriebene Zahl mit einer konkreten Menge verbunden.
4. Rechnen durch Stapeln
Einfache Rechenaufgaben lassen sich sichtbar darstellen. Für die Aufgabe „2 + 3“ kann das Kind zunächst zwei und anschließend drei Elemente abzählen.
Im Vorschulalter sollte dabei das spielerische Verstehen im Mittelpunkt stehen – nicht Schnelligkeit oder Leistungsdruck.
5. Formen mit dem Finger nachfahren
Das Kind fährt die Kontur einer Zahl langsam mit dem Finger nach. Die Zahl kann dabei laut ausgesprochen werden.
Zusätzlich lassen sich Zahlen in Sand, Reis oder Mehl zeichnen. Dabei muss immer auf eine altersgerechte und sichere Verwendung der Materialien geachtet werden.
6. Zahlen im Raum suchen
Verteile einige Zahlenbausteine im Zimmer und gib kleine Suchaufträge:
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„Finde die Drei.“
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„Bringe mir die größte Zahl.“
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„Finde eine Zahl zwischen Zwei und Fünf.“
Dieses Spiel verbindet Bewegung, Sprache und visuelle Wahrnehmung.
7. Fantasie-Architektur mit Zahlen
Zahlenbausteine müssen nicht ausschließlich zum Rechnen verwendet werden. Das Kind kann daraus Häuser, Brücken, Figuren oder Fantasiewelten bauen.
So werden mathematische Symbole Teil eines offenen und kreativen Spiels.
8. Fühlspiel mit geschlossenen Augen
Das Kind ertastet einen Baustein, ohne ihn anzusehen. Anschließend beschreibt es Form und Besonderheiten oder versucht, die Zahl zu erraten.
Für jüngere Kinder kann das Spiel zunächst mit deutlich unterschiedlichen Formen durchgeführt werden.
Weitere multisensorische Spielideen für zu Hause
Multisensorisches Lernen funktioniert auch mit einfachen Alltagsmaterialien.
Buchstaben in Sand zeichnen
Eine flache Schale mit Sand oder einem anderen geeigneten Material ermöglicht es dem Kind, Linien, Formen und Buchstaben mit dem Finger zu zeichnen.
Gegenstände nach Eigenschaften sortieren
Gegenstände können nach Farbe, Größe, Form, Material oder Oberfläche geordnet werden.
Rhythmus und Bewegung verbinden
Klatscht gemeinsam Silben, bewegt euch zu einem Lied oder verbindet Zahlen mit Bewegungen:
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einmal springen
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zweimal klatschen
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dreimal auf den Boden tippen
Tastbeutel verwenden
Lege sichere Gegenstände in einen Stoffbeutel. Das Kind ertastet einen Gegenstand und beschreibt ihn, bevor es ihn herausnimmt.
Geschichten mit Bewegungen begleiten
Bestimmte Figuren oder Handlungen einer Geschichte erhalten eine passende Geste. Das Kind hört zu, bewegt sich und erinnert sich dadurch aktiv an den Ablauf.
Tipps für Eltern
Wenige Reize gezielt verbinden
Mehr Reize bedeuten nicht automatisch besseres Lernen. Zwei oder drei passende Sinneskanäle reichen häufig aus.
Das Alter und Interesse beachten
Eine Aktivität sollte zum Entwicklungsstand des Kindes passen. Wenn sie zu leicht oder zu schwer ist, verliert das Kind möglicherweise schnell das Interesse.
Wiederholungen erlauben
Kinder wiederholen eine Tätigkeit oft sehr häufig. Dadurch festigen sie Bewegungsabläufe und sammeln Sicherheit.
Das Kind selbst aktiv werden lassen
Eltern können eine Aktivität kurz zeigen und sich anschließend zurücknehmen. Das Kind sollte möglichst viel selbst ausprobieren dürfen.
Fehler als Teil des Lernens betrachten
Ein umfallender Turm oder eine falsch zugeordnete Form ist kein Misserfolg. Solche Erfahrungen helfen dem Kind, seine Strategie anzupassen.
Auf Sicherheit achten
Materialien müssen altersgerecht, stabil und frei von verschluckbaren Kleinteilen sein. Kleine Kinder sollten abhängig von der Aktivität begleitet werden.
Fazit: Lernen wird zur Erfahrung
Multisensorisches Lernen verbindet Sehen, Hören, Fühlen, Sprache und Bewegung. Dadurch können abstrakte Inhalte wie Zahlen, Formen oder Wörter für Kinder greifbarer werden.
Zahlenbausteine, Sortierspiele, Finger-Tracing und einfache Aktivitäten aus dem Alltag eröffnen viele Möglichkeiten, Lernen spielerisch zu begleiten. Entscheidend ist nicht, möglichst viele Sinne gleichzeitig zu reizen. Vielmehr sollten die Sinneseindrücke sinnvoll zum Lernziel passen und dem Kind Raum für eigene Entdeckungen geben.
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Quellen und weiterführende Informationen

Bunte Zahlenbausteine verbinden Sehen, Fühlen, Bewegung und spielerisches Denken.
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